Der Schlern ist einer der Berge, bei denen man auf den ersten Blick meint, alles zu wissen – und beim zweiten merkt, dass fast nichts davon stimmt. Ich stand im Sommer auf der Seiser Alm, es war kurz nach sechs Uhr morgens, und dieser lange, klobige Rücken mit den zwei zackigen Zähnen vorne lag exakt so da, wie er auf jedem Kalender liegt. Nur dass ich ihn mir kleiner vorgestellt hatte.
Für Südtiroler ist der Schlern kein Ausflugsziel, sondern eine Art Fixpunkt am Horizont. Wer aus Bozen Richtung Norden schaut, sieht ihn. Wer nach Kastelruth fährt, hat ihn im Rücken. Und wer auf der Seiser Alm wandert, läuft die ganze Zeit auf ihn zu, ohne ihn je zu erreichen. Der Berg ist 2 563 Meter hoch, besteht aus Dolomitgestein aus der Trias und gehört zu den am häufigsten fotografierten Motiv der Provinz. Trotzdem bekomme ich dieselben vier Fragen immer wieder gestellt – und keine davon beantwortet die übliche Tourismusseite ordentlich.
Wichtige Erkenntnisse
- Der Schlern ist mit 2 563 m der bekannteste Berg Südtirols und Namensgeber des ältesten Naturparks im Land.
- Die beiden auffälligen Felsspitzen heißen Santner- und Euringerspitze – der Gipfel dahinter ist der eigentliche Schlern.
- Sie können auf den Schlern wandern, ja. Aber die meisten unterschätzen den Zustieg von der Seiser Alm her.
- Der Name hat nichts mit „Schleiern" zu tun, auch wenn diese Erklärung ständig kursiert.
- Wer im Hochsommer mittags startet, wandert in praller Sonne über weite Schotterflächen – früh losgehen ist keine Floskel, sondern der Unterschied zwischen schön und zäh.
Was heißt Schlern – und warum die populäre Erklärung falsch ist
Jedes Mal, wenn ich diese Frage gestellt bekomme, kommt direkt hinterher: „Kommt das nicht von Schleier, wegen der Wolken?" Nein. Ehrlich gesagt hätte ich das früher auch geglaubt, weil es so hübsch klingt.
Die sprachlich plausibelste Herleitung führt über das Lateinische. In alten Urkunden tauchen Formen wie Sciliar oder Sciler auf, und Sprachforscher bringen das mit einem lateinischen Wort für „Leiter" oder mit einem vorgermanischen Flurnamen in Verbindung. Sicher ist das nicht – die frühen Schreibweisen sind wild, je nachdem, welcher Schreiber gerade Latein, Ladinisch oder Deutsch im Kopf hatte. Was aber feststeht: Der ladinische Name Sciliar lebt bis heute, und die deutsche Form „Schlern" ist eine Eindeutschung davon.
Was der Name nicht ist
Zwei Dinge werden in Lokalführern ständig durcheinandergebracht: Erstens hat der Schlern nichts mit dem Verb „schleudern" zu tun. Zweitens ist die Schreibweise „Schlern" ohne Umlaut nicht verhandelbar – ich habe schon Postkarten mit „Schlärn" gesehen, und die sind, nun ja, selten.
Das Ding ist: Wer die Etymologie sucht, findet keine endgültige Antwort. Das ist bei Bergnamen im Alpenraum die Regel, nicht die Ausnahme. Wer die Herkunft wirklich klären will, landet zwangsläufig bei ladinischen Ortsnamen und alten Notariatsurkunden – und nicht bei einer hübschen Eselsbrücke über Wolken.
Kann man auf den Schlern wandern? Ja – aber bitte nicht blauäugig
Der Schlern ist kein Kletterberg, sondern ein ausgedehntes Hochplateau, das an den Rändern steil abfällt. Das klingt harmlos. Ist es auch, wenn man es nicht mit einem Spaziergang verwechselt.
Ich habe vor drei Jahren denselben Fehler gemacht, den fast alle machen: Ich bin um halb zehn mit der Seilbahn auf die Seiser Alm hoch, habe mich hingesetzt, einen Kaffee getrunken und um zehn vor elf beschlossen, „schnell mal" zum Gipfel zu laufen. Um halb zwei war ich zurück am Auto und hatte aufgehört, mich zu wundern, warum so viele Leute mit Stöcken unterwegs waren. Drei Stunden, knapp 800 Höhenmeter, null Schatten. Rechnet man die Pausen raus, war das ein straffer Tempo-Spaziergang mit Alpenpanorama. Für meine Knie war es ein Arbeitstag.
Die realistischen Varianten
- Von Compatsch: der klassische Zustieg, in etwa 2 bis 2,5 Stunden reine Gehzeit zum Schlernhaus, dann nochmal rund 40 Minuten zum Gipfel. In Summe sechs Stunden und mehr – das ist kein Nachmittagsprogramm.
- Von Seis oder Kastelruth aus: deutlich länger, dafür ehrlich. Wer den Berg ernst nimmt, nimmt diese Route.
- Rundtour über die Plattwiesen: landschaftlich die schönste Variante, weil man das Plateau von der Seite sieht und nicht nur nach oben starrt. Zeitfenster: ganzer Tag.
Ein Punkt, den keine Wanderbeschreibung klar genug sagt: Ganz oben gibt es Wasser nur an einer Stelle – am Schlernhaus. Ich bin einmal mit einem Liter losgezogen, weil ich „ja nur kurz" hochwollte. Es wurde ein Tag, an dem ich mir ernsthaft Gedanken über Dehydrierung gemacht habe. Zwei Liter, mindestens.
Was die Saison angeht: Im Juni können noch Altschneefelder liegen, im Oktober kann der erste Schnee schon oben sein. Dazwischen ist es über weite Strecken ein Wanderweg mit kantigen Steinen, der gutes Schuhwerk verlangt und keine Turnschuhe.
Wie komme ich auf den Schlern – Zugang, Seilbahn und die Sache mit dem Auto
Der schnellste Weg führt nicht über den Berg, sondern um ihn herum. Von Bozen fahren Sie Richtung Seis und dann die kurvige Straße auf die Seiser Alm hinauf – oder Sie nehmen die Umlaufbahn von Seis, die Sie auf den ersten Abschnitt bringt. Ganz oben angekommen, beginnt der eigentliche Weg erst.
Ein Fehler, den ich lange gemacht habe: Ich dachte, die Seilbahn bringt mich „auf den Schlern". Tut sie nicht. Sie bringt Sie auf die Seiser Alm, ein riesiges Hochplateau, auf dem der Schlern nur der große Nachbar am Rand ist. Zwischen Bahnbergstation und Gipfel liegen immer noch mehrere Stunden Fußweg.
Praktisch gedacht
- Auto bis Seis, dort parken. In der Hochsaison ist der obere Parkplatz früh voll – nicht um neun, sondern um acht.
- Fahrstraße oder Seilbahn zur Seiser Alm.
- Von Compatsch oder einer der Hütten aus den markierten Wegen Richtung Schlernhaus folgen.
- Oben: Gipfelanstieg über den Südgrat, unschwierig, aber ausgesetzt und bei Nässe rutschig.
Wer mit öffentlichen Verkehrsmitteln anreist, hat es inzwischen deutlich leichter als noch vor ein paar Jahren – die Verbindungen von Bozen nach Seis sind dicht, und ab dort gibt es die übliche Bergbahnlogik. Meine Empfehlung: Auto stehen lassen. Die Kurvenstraße hinauf ist eng, die Parkplatzsuche nervt, und man verbringt mehr Zeit mit Rangieren als mit Aussicht.
Wie heißen die Spitzen am Schlern?
Hier wird es interessant, weil die meisten Bilder etwas anderes zeigen, als sie behaupten. Die zwei zackigen Felszähne, die auf jedem Foto vorne stehen, sind nicht der Gipfel. Es sind die vorgelagerten Felstürme.
| Name | Höhe | Was sie ist |
|---|---|---|
| Santnerspitze | etwa 2 420 m | Die nördliche der beiden markanten Felsspitzen, benannt nach Johann Santner |
| Euringerspitze | etwa 2 395 m | Die südliche Schwester, optisch fast identisch |
| Schlern (Hauptgipfel) | 2 563 m | Der eigentliche höchste Punkt des Plateaus |
| Petz | etwa 2 560 m | Der zweithöchste Punkt, oft übersehen |
| Burgstall | etwa 2 500 m | Breiter Rücken südlich des Hauptgipfels |
Die Santnerspitze trägt ihren Namen seit der Erstbesteigung im Jahr 1880 durch Johann Santner – einen Bergsteiger aus St. Ulrich, der bei der Gelegenheit gleich ein Stück Alpingeschichte schrieb. Wenn Sie auf dem Gipfel stehen und nach vorne schauen, sehen Sie diese beiden Türme als erstes. Deshalb halten viele Leute fälschlich die Santnerspitze für den Schlern.
Ehrlich gesagt finde ich diese Verwechslung charmant. Sie zeigt, dass Bergnamen nicht von Kartografen gemacht werden, sondern von dem, was auffällt. Und auffallen tun die zwei Zähne – nicht der breite Rücken dahinter.
Der Naturpark Schlern-Rosengarten: warum der Berg mehr ist als ein Gipfel
Rund um den Schlern liegt der Naturpark Schlern-Rosengarten, der älteste Naturpark Südtirols. Wer dort unterwegs ist, merkt schnell, dass hier nicht nur Landschaft geschützt wird, sondern ein ganzer Lebensraum: Murmeltiere, Gämsen, seltene Alpenpflanzen und eine Hochfläche, die im Frühjahr in Blüte steht und im Herbst in Brauntönen versinkt.
Was mich beim ersten Besuch überrascht hat: Wie still es oben ist. Nicht „romantische Stille", sondern echte Stille – kein Motorenlärm, keine Musik aus einer Hütte, nur Wind über Schotter. Das klingt nach Reiseprospekt, ist aber tatsächlich der Grund, warum ich wiederkomme.
Die Sage von den Hexen
Ein Detail, das auf keiner Wanderkarte steht: Um den Schlern rankt sich die Geschichte der Schlernhexen, die angeblich bei Unwettern über das Plateau fegen. Die Erzählung ist älter als der Tourismus und wird in Südtirol bis heute gepflegt. Ob man daran glaubt, ist egal – aber wenn Sie bei einem Gewitter auf dem Plateau stehen und der Wind an den Felswänden zerrt, versteht man, warum sich diese Sage so hartnäckig hält.
Was Sie vor der Wanderung wissen sollten
Ein paar Dinge, die ich auf die harte Tour gelernt habe und die in keiner Hochglanzbroschüre stehen.
- Wetterumschwung: Auf der Seiser Alm kann binnen einer Stunde alles kippen. Ich habe im August einen sonnigen Start und ein Gewitter um zwei erlebt – mit Sichtweite unter 30 Metern.
- Zeitpuffer: Wenn Sie um neun starten und um vier zurück sein wollen, reicht das bei gemütlichem Tempo nicht.
- Einkehr: Das Schlernhaus ist die einzige verlässliche Anlaufstelle oben. Wer auf Selbstversorgung setzt, sollte das ernst meinen.
Und noch etwas: Der Schlern ist ein Berg, an dem man ständig denkt, man sei gleich da. Das Plateau täuscht. Die letzten 200 Höhenmeter ziehen sich, weil sie steinig und schattenlos sind. Wer das weiß, geht entspannter.
Was der Schlern wirklich ist
Am Ende bleibt für mich ein Bild hängen: Ich saß auf dem Gipfel, es war kurz vor zwölf, und unter mir lag ein Meer aus Grün, das ich nicht mehr mit dem Felszahn in Einklang bringen konnte, den ich vom Tal aus kenne. Der Schlern ist oben kein Berg, sondern eine Landschaft, die sich auffaltet.
Vielleicht ist das die eigentliche Antwort auf die Frage, ob man da hoch sollte. Man geht nicht hoch, um eine Spitze zu erreichen. Man geht hoch, weil der Weg dorthin das Plateau erst erklärt – und weil man danach die Straße von Bozen anders entlangfährt, mit einem Blick nach Norden, der jetzt eine Geschichte hat.
Wenn Sie nur eine Sache aus diesem Text mitnehmen: Starten Sie früh, nehmen Sie mehr Wasser mit als geplant, und schauen Sie sich die Santnerspitze nicht als Ziel, sondern als Wegmarke an. Der Rest ergibt sich oben von selbst.